Was das Gesprächsverhalten über die Persönlichkeit aussagt – ein interdisziplinäres Forschungsprojekt

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Über den Autor/ die Autorin

Sylvia Bendel Larcher

Sylvia Bendel Larcher ist Sprachwissenschafterin und Dozentin für Kommunikation am Institut für Kommunikation und Marketing der Hochschule Luzern. Sie forscht seit vielen Jahren über Gespräche in Institutionen und vermittelt in ihren Kursen Wege zu einem menschlichen Miteinander unter Gesprächspartnern.

Der Hausverstand sagt uns, dass die Art, wie jemand kommuniziert, Ausdruck seiner Persönlichkeit ist. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt kann den Zusammenhang zwischen Gesprächsverhalten und Persönlichkeit nun erstmals wissenschaftlich bestätigen. Das Interaktionsprofil einer Person ist vermutlich aussagekräftiger als jedes Bewerbungsschreiben.

„Er spricht laut und viel, gestikuliert mit den Händen und lacht gerne – er ist wohl ziemlich extravertiert.“ Solche Gedanken sind Ihnen bestimmt schon durch den Kopf gegangen. Im Alltag, aber auch bei Bewerbungsgesprächen oder Geschäftsverhandlungen schliessen wir ganz selbstverständlich vom Gesprächsverhalten einer Person auf deren Persönlichkeit. Erstaunlicherweise wurde dieser Zusammenhang wissenschaftlich noch nie untersucht. Ein Grund für diese Forschungslücke liegt darin, dass für die Analyse des Gesprächsverhaltens Linguistinnen zuständig sind und für das Vermessen der Persönlichkeit Psychologen, die aufgrund ihrer divergierenden Methoden kaum je zusammenarbeiten.

Am IKM haben nun zwei Forschende – die Linguistin Sylvia Bendel Larcher und der Psychologe Domingo Valero – den Schritt gewagt und ein interdisziplinäres Forschungsprojekt auf die Beine gestellt.

Das Material: Gesprächsaufzeichnungen und Persönlichkeitsfragebogen

Ziel des Projekts ist es zu prüfen, ob es einen statistisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Interaktionsprofil einer Person – also ihrem sprachlichen Verhalten im Gespräch – und ihrer Persönlichkeit gibt. Damit man das prüfen kann, muss man von denselben Personen Gesprächsdaten und Persönlichkeitsdaten haben.

Zu diesem Zweck haben wir 24 Studierende gebeten, in Vierergruppen eine Aufgabe zu lösen. Die Gespräche haben wir auf Tonband aufgenommen und wortwörtlich transkribiert (verschriftet). Die gleichen Studierenden haben einen Persönlichkeitsfragebogen ausgefüllt.

Die sechs Dimensionen der Persönlichkeit

Um die Persönlichkeit der Studierenden zu erfassen, haben wir das HEXACO-Modell verwendet, das sechs Dimensionen der Persönlichkeit unterscheidet:

H = honesty / humility (Ehrlichkeit / Bescheidenheit)
E = emotionality (Emotionalität)
X = extraversion (Extraversion)
A = agreeableness (Verträglichkeit)
C = conscientiousness (Gewissenhaftigkeit)
O = openness to experience (Offenheit für Erfahrungen)

Bei jeder Person kann man angeben, ob sie im Vergleich zu einer Stichprobe von 1’800 SchweizerInnen hohe oder tiefe Werte aufweist.

Die relevanten sprachlichen Verhaltensweisen

Die transkribierten Gespräche haben wir benutzt, um die relevanten sprachlichen Verhaltensweisen auszuzählen: Wie viel spricht eine Person? Wie oft unterbricht sie? Wie oft bringt sie ein neues Thema in das Gespräch ein? Stellt sie Fragen? Argumentiert sie oder stellt sie einfach Behauptungen in den Raum? Widerspricht sie den Aussagen der anderen oder stimmt sie zu? Wer lacht und wer nicht? Insgesamt wurden über 35 sprachliche Kategorien bestimmt und ausgezählt.

Gewissenhafte Personen unterbrechen weniger, bescheidene stimmen häufiger zu

Im nächsten Schritt haben wir geprüft, ob es zwischen den Daten aus dem Persönlichkeitsfragebogen und den Gesprächsdaten Korrelationen (statistische Zusammenhänge) gibt. Bedeutsame Korrelationen gab es viele, einige waren sogar statistisch signifikant. Für zwei Persönlichkeitsdimensionen zeigen wir Ihnen ausgewählte Resultate:

Personen, die sich selber als ehrlich / bescheiden einschätzen, sprechen anteilsmässig weniger als die anderen, zeigen vorwiegend glatte Sprecherwechsel und machen kurze Beiträge. Sie stimmen den anderen häufiger zu, lachen signifikant häufiger und geben kaum Empfehlungen ab – was Teil der Aufgabe gewesen wäre. Ihr Beitrag ist insgesamt eher bescheiden, sie zeigen ein reaktives, unterstützendes Verhalten.

Gewissenhafte Personen sprechen nicht mehr oder weniger als andere, aber sie sprechen seltener und dafür länger aufs Mal. Beim Sprecherwechsel sind sie vorsichtig, sie überlappen und unterbrechen klar weniger als andere. Sie geben signifikant mehr Hinweise zum Vorgehen, fällen mehr Urteile (was Teil der Aufgabe war) und geben häufiger neutrale Rückmeldungen („mhm“). Sie widersprechen signifikant seltener, stellen keine Fragen, machen kaum (witzige) Nebenbemerkungen und lachen selten bis nie. Insgesamt agieren die gewissenhaften Personen sehr organisiert und besonnen, aber eher „für sich“ als in direkter Interaktion mit den anderen.

Wen würden Sie einstellen?

Natürlich können wir mit unseren Daten auch Interaktionsprofile einzelner Personen erstellen. Wer das Interaktionsprofil einer Person kennt und dazu die Werte aus dem Persönlichkeitsfragebogen, verfügt über geradezu intime Kenntnisse seiner Testpersonen – darum sind unsere Daten auch so sensibel. Wir stellen zwei Studierende unter falschem Namen vor.

Elsbeth spricht von allen am wenigsten und belegt in ihrer Vierergruppe nur 17% der Sprechzeit. Sie unterbricht kein einziges Mal und widerspricht nie. Sie gibt überdurchschnittlich viele Rückmeldungen und stimmt den anderen zu, häufig mit einem deutlichen „ja genau!“. Auch lacht sie gerne. Sie ist also eine angenehme Gesprächspartnerin. Zur Lösung der Aufgabe trägt sie allerdings wenig bei: Sie gibt keinen Hinweis zum Vorgehen, macht keine Vorschläge, gibt keine Empfehlung ab, lediglich ein paar Erklärungen und drei Urteile steuert sie bei. Elsbeth hat einen hohen Wert bei Ehrlichkeit / Bescheidenheit, einen sehr hohen Wert bei Emotionalität (d.h. sie ist eher ängstlich), und einen tiefen Wert bei Gewissenhaftigkeit.

Nathan liegt von der Sprechzeit her im Durchschnitt und belegt 28% der Gruppenzeit. Er spricht eher selten, dafür manchmal sehr lange aufs Mal. Ein Kampf ums Rederecht liegt ihm fern: Er überlappt nur ein Mal, unterbricht nie, und wenn er unterbrochen wird, bricht er seine Äusserung sofort ab. Er bringt häufig neue Themen ein, argumentiert häufiger als andere und gibt viele Empfehlungen ab. Wenn andere sprechen, gibt er neutrale Rückmeldungen („mhm“). Er korrigiert ein Mal die Aussage einer anderen Person und widerspricht ein Mal, macht keine Nebenbemerkungen und lacht nie. Nathan hat einen sehr hohen Wert bei der Gewissenhaftigkeit sowie tiefe Werte bei Emotionalität und Offenheit für Erfahrungen.

Der Vergleich von Elsbeth und Nathan zeigt, wie gross die Unterschiede im Gesprächsverhalten zwischen den Studierenden sind, obwohl sie alle gleich alt sind, das gleiche Vorwissen haben und sich in derselben Situation befinden. Ihre Persönlichkeit ist nicht die einzige, aber eine wichtige Erklärung für diesen Befund.


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