Kulturelle Werte von Arbeitgebenden und Bewerbenden intelligent abgleichen – ein Projekt des IKM

0
Teilen.

Über den Autor/ die Autorin

Dr. Guang Lu

Dr. Guang Lu ist Dozent für Data Science an der Hochschule Luzern – Wirtschaft.

Eine gute Übereinstimmung zwischen Arbeitgebenden und Bewerbenden bringt dem Arbeitsmarkt wesentliche Vorteile. Kurzfristig sorgt sie dafür, dass die technischen Anforderungen, die für die Stellen erforderlich sind, erfüllt werden können. Langfristig stellt es aber auch sicher, dass die Werte beider Seiten optimal zueinander passen. Dadurch werden personelle, aber auch geschäftliche Werte für die Zukunft geschaffen.

Bestehende Matching-Tools

Heutzutage konzentrieren sich die meisten der bestehenden Matching-Maschinen nur darauf, festzustellen, ob die technischen Fähigkeiten einer/s Bewerbenden den Schlüsselwörtern in den Stellenbeschreibungen entsprechen. Zum Beispiel kann man auf LinkedIn die persönlichen technischen Stärken angeben. Das System empfiehlt Kandidatinnen und Kandidaten anschliessend automatisch einige offene Stellenanzeigen, in denen die Stellenbeschreibungen sehr stark mit dem beruflichen Hintergrund des Kandidaten übereinstimmen. Die Problematik dabei: die kulturellen Werte einer Person oder eines Unternehmens werden nicht berücksichtigt.

Auch der kulturelle Abgleich ist von Bedeutung

Am Institut für Kommunikation und Marketing der Hochschule für Wirtschaft Luzern glauben wir, dass auch ein kultureller Abgleich zwischen Arbeitgebern und Kandidaten für den Erfolg von Unternehmen und Personal sehr wichtig ist. Wie Jeff Veyera in seinem neuen Buch «Culture Is Everything» hervorhebt, wird ein wahrer Kulturkämpfer die Organisation zum Sieg führen. Der Kulturkampf ist in der Tat auch ein bedeutender Impuls, der Mitarbeitende motivieren kann, sich im Umfeld der Organisation weiter zu entwickeln.

MyCareerGate – ein intelligentes Empfehlungssystem

Zu diesem Zweck haben wir am IKM in den vergangenen Monaten zwei interessante Projekte in Angriff genommen. In einem Projekt haben wir die vom Schweizer Jobportal MyCareerGate (www.mycareergate.ch) erfassten Arbeitgeber- und Kandidateninformationen untersucht. Seit 2016 haben sich rund 2000 Unternehmen und 8000 Kandidatinnen und Kandidaten auf MyCareerGate registriert. Dort konnten die Kandidatinnen und Kandidaten gleichzeitig ihre gewünschten Arbeitgeber und Kulturwerte auswählen, was uns die Wahrnehmung der Arbeitgeberkultur aus der Perspektive der Kandidatinnen und Kandidaten ermöglichte. Wir haben ein intelligentes Empfehlungssystem aufgebaut, das Techniken des maschinellen Lernens nutzt, um Kandidatinnen und Kandidaten weniger bekannte Unternehmen zu empfehlen, deren Kultur mit der Kultur der Kandidaten vergleichbar ist.

Unsere Forschungen haben gezeigt, dass den Bewerbern durch diese intelligente Kultur-Matching-Engine viele versteckte, weniger bekannte Unternehmen aufgezeigt werden können. Die Wettbewerbsfähigkeit dieser Unternehmen auf dem Markt wird in dem Sinne verbessert, dass potenziell besser geeignete Kandidatinnen und Kandidaten verfügbar sind.

In einem zweiten Projekt haben wir die Mission, Vision und Strategieaussagen von Unternehmen mit Hilfe von natürlichen Sprachverarbeitungstechniken untersucht, um die von den Unternehmen hervorgehobenen kulturellen Kernwerte zu identifizieren. Diese Aussagen sind sorgfältig aus einigen bekannten Indizes zusammengestellt, die etwa 300 Unternehmen in der Schweiz, Deutschland und Österreich auflisten. Mit Hilfe des sogenannten Worteinbettungsmodells, das von fastText (www.fasttext.cc) vortrainiert wurde, kann man die Ähnlichkeit oder Vergleichbarkeit der Missions-, Visions- und Strategieaussagen der Unternehmen mit den fünf am häufigsten genannten Kulturwerten Innovation, Integrität, Qualität, Respekt und Teamarbeit bewerten. Unsere vorläufigen Ergebnisse haben eine gute Übereinstimmung der in diesem Projekt gemessenen Unternehmenskultur mit den aus MyCareerGate gewonnenen Wahrnehmungen der Arbeitgeberkultur gezeigt. Tatsächlich bietet uns die Textanalyse zusammen mit Techniken des maschinellen Lernens einen weiteren Gesichtspunkt zum besseren Verständnis der Unternehmenskultur.

«Bestimmen Sie, welche Verhaltensweisen und Überzeugungen Sie als Unternehmen schätzen, und lassen Sie alle diese Verhaltensweisen und Überzeugungen leben. Diese Verhaltensweisen und Überzeugungen sollten so wesentlich für Ihren Kern sein, dass Sie sie nicht einmal als Kultur betrachten.»

Brittany Forsyth, VP für menschliche Beziehungen, Shopify

Ein Ausblick

Das Matching bzw. der Abgleich kultureller Werte von Arbeitgebern und Kandidaten ist zweifellos einer der künftigen Trends am Arbeitsmarkt. Man findet in diesem Bereich bereits vielseitige Anwendungen des maschinellen Lernens. Insbesondere die Textanalyse mittels natürlicher Sprachverarbeitung spielt eine wichtige Rolle bei der Analyse der Unternehmenskultur. Mit den reichhaltigen Informationen, die aus den öffentlichen Medien über die Merkmale der Unternehmenskultur gesammelt werden, kann die jüngste Entwicklung der Techniken der Textanalyse nicht nur die „Bedeutungen“ der einzelnen Wörter, sondern auch der ganzen Sätze und Dokumente automatisch erfassen.

Im nächsten Forschungsschritt zielen wir daher darauf ab, die gesamte Reise der Kandidaten zu verbessern, indem wir umfassende kulturelle Interaktionen zwischen Kandidaten und Arbeitgebenden, die vor und nach der Einstellung stattfinden, abdecken. So kann mittels automatisierter Textanalyse und Machine-Learning-Ansätzen das Verständnis von Unternehmenskultur verbessert werden.


Kommentar hinterlassen