Distance Learning – gab es auch schon früher

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Über den Autor/ die Autorin

Romy Günthart

Romy Günthart ist Dozentin für Kommunikationskompetenz an der Hochschule Luzern – Wirtschaft und Titularprofessorin an der Universität Zürich.

Dass Schulen aus sanitarischen Gründen geschlossen werden müssen, ist nichts Neues, und auch nicht, dass der Unterricht trotz Schulschliessungen fortgeführt wird.

Im Frühjahr 1937 grassierte im Grossraum Chicago eine Polioepidemie. Das Virus bedrohte – anders als das Coronavirus heute – vor allem junge Menschen. In den meisten Fällen verlief die Erkrankung ohne Symptome, einige Infizierte zeigten relativ harmlose grippeähnliche Beschwerden, doch in ca. 1% der Fälle befielen Polioviren auch Nervenzellen. Die Betroffen erkrankten an Kinderlähmung (Poliomyelitis) und es kam auch zu Todesfällen. Um die Kinder und Jugendlichen zu schützen, wurden die Schulen geschlossen.

Der Unterricht sollte aber unbedingt weitergehen und die Schülerinnen und Schüler mit allen Mitteln unterstützt werden, damit sie auch in der Quarantäne nichts vom regulären Schulstoff verpassten. Für fast 325’000 Schulkinder wurde ein einzigartiges Homeschooling-Projekt aus dem Boden gestampft. Die Medien der Stunde, die das Distance Learning ermöglichen sollten, waren die Zeitungen und vor allem das Radio. Das Radio war in den USA der 1930er-Jahre noch immer eine relativ neue Technologie, seine Möglichkeiten für Unterrichtszwecke erst von einigen wenigen Unterrichtspionieren angedacht und in bescheidenen Ansätzen ausprobiert worden. Nun in der Krise wurde der Rundspruch schlagartig zum zentralen Kommunikationsmittel zwischen den Unterrichtenden und ihren Schülerinnen und Schülern. Das Experiment gelang.

Die Lehrerinnen und Lehrer bereiteten jede Lektion einzeln vor. Externe Fachpersonen überprüften die Inhalte. Jedes Lernsegment sollte 15 Minuten dauern, aufs Wesentliche reduziert und attraktiv gestaltet sein. So wurden Experten und Gaststars vor die Mikrofone geladen, es gab Wettbewerbe oder die Möglichkeit beim Sender anzurufen. Die Stundenpläne für die verschiedenen Stufen wurden zusammen mit Aufgaben, Arbeitsanweisungen und Fragen zum Stoff in den Tageszeitungen publiziert. Sechs Radiostationen sendeten über den Tag verteilt die Lerneinheiten. Die School-by-Radio-Programme waren ein Erfolg.

Das Chicagoer Experiment wurde weit über die USA bekannt und diskutiert. Auch «Kaisers Schatzkästlein», die Beilage zum «Pestalozzikalender», dem bis in die 1970er-Jahre weit verbreiteten Schweizer Schülerkalender, nahm das Thema Distance Learning auf und stellte Überlegungen zur Zukunft der neuen Unterrichtsform an. So ist im «Schatzkästlein» von 1939 mit Verweis auf die Schulschliessungen während der Polioepidemie in Chicago zu lesen: «Der Rundspruch wird in nicht allzu ferner Zeit eine grosse Rolle im Schulwesen spielen. Schon jetzt kennen wir, auch bei uns in der Schweiz, den Schulrundspruch, der es den einzelnen Schulen und Klassen ermöglicht, Vorträge und Musikdarbietungen durch den Radioempfänger zu hören. Sobald es möglich sein wird, Bilder, und zwar auch lebende, zu übertragen, wird der Unterricht eine grosse Umgestaltung und Entwicklung erfahren.»

Eine Generation später war das Schweizer Schulfernsehen Wirklichkeit geworden. Es führte allerdings nicht zur grossen Umgestaltung des Unterrichts, die das «Schatzkästlein» prophezeit hatte.

Literatur:

Michael Hines, In Chicago, schools closed during a 1937 polio epidemic and kids learned from home – over the radio. In: The Washington Post, 03.04.2020.

Bruno Kaiser, Kaisers Schatzkästlein. Pestalozzikalender 2. Teil, Bern: Pestalozziverlag, 1939.


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