«Robo-Journalismus» – Konkurrenz für Redakteure und Kommunikationsprofis?

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Über den Autor/ die Autorin

Elmar zur Bonsen

Elmar zur Bonsen ist Kommunikationsberater und leitet den Studiengang CAS Brand Journalism & Corporate Storytelling am MAZ, der Schweizer Journalistenschule.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Dieser Text ist zwar an einer Maschine entstanden, geschrieben hat ihn aber ein Mensch. Das ist heute gar nicht mehr so selbstverständlich. Denn überall auf der Welt kommen inzwischen voll automatisierte Textgenerierungssysteme zum Einsatz, deren Produkte kaum noch von Artikeln menschlicher Autoren zu unterscheiden sind. Faktenreich, präzise formuliert, variabel im Sprachstil.

News-Agenturen und Zeitungsverlage – von der «Associated Press» bis zur «New York Times» – veröffentlichen schon heute täglich Tausende algorithmisch erstellte Texte, ohne jedes menschliche Zutun. Denn das spart Zeit und somit auch Kosten.

Neue Formen des Arbeitens für Journalisten

«Künstliche Intelligenz (KI) ist weit mehr als automatisierte Texterstellung oder Kampagnen-Aussteuerung. In der Unternehmenskommunikation lässt sich mithilfe von Augmented Intelligence viel besser verstehen, was gerade wichtig ist und wo die Stellschrauben sind, an denen gedreht werden kann.»

Steffen Konrath

Möglich gemacht haben diesen sogenannten Roboter-Journalismus bahnbrechende Erfolge in der Entwicklung von KI-Systemen, wie Steffen Konrath beim IKM Update am 16. Mai erläuterte. Der Gründer von AI Suisse und CEO von LiquidNewsrooms zählt zu den Pionieren auf diesem Gebiet. Aus seiner Sicht eröffnet Künstliche Intelligenz in der Medienwelt ganz neue Möglichkeiten der journalistischen Recherche, beispielsweise bei der Auswertung grosser Datenmengen, wie etwa die Software-gestützte Analyse der «Panama Papers» mit einem Datenvolumen von 2,6 Terabyte gezeigt habe. Solche Methoden seien nicht nur wesentlich schneller als bisherige Verfahren. Für investigative Journalisten ergäben sich daraus auch ganz neue Formen des Storytellings – Stichwort Daten-Journalismus. KI-Systeme erleichtern Konrath zufolge ausserdem eine präzise Auswertung, worüber in der Gesellschaft tatsächlich – und nicht nur in den Medien – diskutiert wird. «Das alles schmälert nicht die Rolle des Journalisten», betonte Konrath. «Im Gegenteil: Dessen Aufgabe bleibt es, Informationen zu prüfen, Fakten einzuordnen und Zusammenhänge aufzudecken und daraus eine gute Story zu entwickeln. KI wird ihm diese Aufgabe nicht abnehmen, sie übernimmt für ihn aber eine unterstützende Funktion.»

Künstliche Intelligenz unterstützt bei Mehrsprachigkeit

«Der Mensch wird die Maschinen in der redaktionellen Arbeit anleiten und so Content-Formate schaffen, die bisher gar nicht möglich waren.»

Saim Alkan

Zu den Vorreitern auf dem Gebiet der automatisierten Texterstellung zählt Saim Alkan, Geschäftsführer der Firma AX Semantics. Er hat eine komplexe Software entwickelt, die in der Lage ist, Beiträge in 110 Sprachen zu schreiben. Die meisten Kunden kommen aus dem E-Commerce, inhaltlich geht es hier vor allem um Produktbeschreibungen für Kataloge oder Social-Media-Einträge. Die Künstliche Intelligenz, die bei diesen Anwendungen zum Einsatz kommt, arbeitet «regelbasiert», das heisst die Maschine muss von einem Kommunikationsprofi entsprechend trainiert werden – vom Satzbau bis hin zu sprachlichen Feinheiten. Je mehr Regeln angewendet werden, desto differenzierter fällt auch der Textbeitrag aus.

Saim Alkan Funktionsmodell zur automatisierten Textgenerierung
Funktionsmodell zur automatisierten Textgenerierung von Saim Alkan

Künstliche Intelligenz bei fehlenden Ressourcen und dringender Aktualität

Was dabei alles möglich ist, zeigt ein Projekt mit der Stuttgarter Zeitung: Bei deren Service-Angebot «Feinstaubradar» kommen via AX Semantics automatisierte Texte zum Einsatz. Sie informieren die Leserinnen und Leser stündlich aktuell darüber, wie hoch die Luftbelastung vor ihrer Haustür ist. Man staune: Das Projekt wurde Ende 2018 mit dem Konrad-Adenauer-Preis für Lokaljournalismus ausgezeichnet.

«Mit Roboter-Journalismus erstellte Texte werden wohl keine Pulitzer-Preise gewinnen», sagte Saim Alkan. Aber das Werkzeug ermögliche es den Redaktionen bereits jetzt, zahlreiche Texte vor allem für den digitalen Auftritt herzustellen, für die man ansonsten gar nicht die nötigen personellen Ressourcen hätte. Alkan verwies beispielsweise auf Fußballberichte über Spiele in unteren Ligen oder ständig aktualisierte Wetterberichte, die postleitzahlengenau für unterschiedliche Verbreitungsgebiete angepasst und veröffentlicht werden. «Wir revolutionieren die Kulturtechnik des Schreibens», so Saim Alkan.

Die Realität: Maschine oder Mensch?

Doch wo liegen die Grenzen Künstlicher Intelligenz? Kann der Roboter-Journalist eines Tages auch tiefgründige Leitartikel verfassen? Das wohl eher nicht, waren sich die Referenten einig. Den Algorithmen fehle schlicht das Vermögen, meinungsstark wie ein menschlicher Journalist zu kommentieren, zu analysieren und Kausalitäten herzustellen.

Stefan Trachsel, Redaktor und Projektleiter der Nachrichtenagentur Keystone-SDA, gab in der Diskussion Einblicke in die aufwändigen Vorarbeiten, die erforderlich sind, um einen «Roboter-Journalisten» produktiv im Redaktionsalltag einzusetzen. Redaktorinnen und Redaktoren müssen den «Bot», also die Software, zunächst mit Textbausteinen und Satzstrukturen füttern, die der Algorithmus dann kombiniert und mit passenden Informationen bestückt. Dazu benötigt man grosse Mengen an gut strukturierten Daten. Keystone-SDA schwört auf «Lena»: Der Bot wird verwendet, um zum Beispiel bei Volksabstimmungen Kurztexte mit den wichtigsten Ergebnissen für jede einzelne Gemeinde zu erstellen – auf Deutsch und auf Französisch.

«Schreibroboter sind weder Untergang noch Rettung des Journalismus. Sie sind ein Hilfsmittel für den Journalisten, an dem es nach wie vor liegt, relevante und lesenswerte Geschichten zu produzieren.»

Stefan Trachsel

Durch den Einsatz des Textroboters werde der Job des Journalisten nicht gefährdet, ist auch Trachsels Überzeugung. Der Bot erledige nur repetitive Aufgaben, die für niemanden besonders reizvoll seien. «Wir setzen den Textroboter als Hilfsmittel für die Redaktion ein, damit sich die Journalisten um Wesentlicheres kümmern können.» Allerdings, so Trachsel, sei die Programmierung des digitalen Helfers mit hohem Zeitaufwand verbunden.

Wenn Schreibautomaten wie Lena zunehmend redaktionelle Aufgaben übernehmen, stellt sich auch die ethische Frage nach der Verantwortung für den Inhalt von Texten. Einig waren sich die Experten darin, dass man Roboterjournalisten festen Transparenzregeln unterwerfen müsse, das heisst: Computergenerierte Berichte müssen eindeutig als solche ausgewiesen sein. Andernfalls laufen die Redaktionen Gefahr, ein wertvolles Gut zu verspielen: ihre Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Leser oder Nutzer.

Das IKM Update «Robo-Journalismus – Konkurrenz für Redakteure und Kommunikationsprofis?» wurde vom Institut für Kommunikation und Marketing IKM und der Zentralschweizer PR-Gesellschaft ZSPR am Donnerstag, den 16. Mai 2019 durchgeführt.


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