Multimodal und sozial – das neue Schreiben

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Über den Autor/ die Autorin

Sabine Witt

Sabine Witt ist Dozentin am Institut für Marketing und Kommunikation IKM und schreibt daneben für Corporate Publications. Bereits beim Schreiben denkt sie an die Bildauswahl für ihren Text.

Wir schreiben heute in Schrift, Bild und Ton. Multimodalität ist zwar nichts Neues, erlangt jedoch immer mehr Bedeutung, wenn Unternehmensstrategien davon abhängen und Suchmaschinen mitlesen. An der Konferenz FwS 2018 drehte sich zwei Tage alles um das Thema.

Vor dem weissen Blatt sitzen, grübeln und sich zermürben – das Klischee passt kaum mehr zu moderner Kommunikation. Heute ist Schreiben auch wesentlich eine soziale und gestaltende Technik. Das veranschaulichten die Referentinnen und Referenten bei aller Verschiedenheit ihrer Ansätze am ersten Tag der 7. Internationalen Tagung des Forums wissenschaftlichen Schreibens, die unter dem Titel stand «Schrift Bild Ton. Schreiben als multimodales Ereignis». Gastgeber der Tagung war dieses Jahr das Institut für Marketing und Kommunikation IKM der Hochschule Luzern – Wirtschaft.

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Abbildung 1: Viel Bild im Inserat und nur wenige, in der Gischt fliegende Buchstaben (Bild Greenpeace).

Professor Hartmut Stöckl von der Universität Salzburg stellte in seiner Keynote zur Multimodalität sogleich fest: «Multimodalität ist nichts Modernes, vielmehr eine kulturelle Konstante. Auch Hieroglyphen waren eine Mischung aus Bild und Text.» In der Forschung gehe es darum, das Verhältnis verschiedener Zeichentypen zu systematisieren. In Werbeinseraten komme nur noch wenig Sprache vor, was besondere Anforderungen an das Verstehen stelle: Die Betrachterin muss den Zusammenhang zwischen knappem Text und dominantem Bild erschliessen. Oft sei dafür ein metaphorisches oder metonymisches Verständnis nötig. Für die Schreibdidaktik leitete der Forscher aus zentralen Konzepten der Multimodalitätsforschung ab, dass künftig nicht einfach Lese- und Schreibfähigkeit zu unterrichten seien. Vielmehr sei Multimodal Literacy gefragt, da für die Bewältigung kommunikativer Aufgaben heute diverse Zeichenmodalitäten wie Text, Bild, Video und Audio eingesetzt werden müssten.

Kollaborative Schreibexperimente

Kirsten-Schindler

Prof. Kirsten Schindler

Ein eindrückliches Beispiel für den intuitiven Umgang mit dem bildlichen Potenzial von Buchstaben präsentierte Professorin Kirsten Schindler von der Universität Köln. Sie stellte das Projekt einer virtuellen Schreibkonferenz vor, bei der jeweils zwei Primarschüler von zwei Pädagogikstudierenden beim Schreiben einer Geschichte virtuell begleitet wurden. Die Schüler fabulierten am Computer fröhlich absurde Geschichten wie die vom Papa auf der Toilette und spielten mit farbigen Buchstaben wie in einem Kinderbuch. Das forderte jedoch die Studierenden heraus, die in ihrem Feedback die Regel der schwarzen Schrift durchsetzen wollten, woraufhin die Kinder die Buchstaben kurzerhand überdimensionierten oder winzig klein setzten. So lernten in diesem kollaborativen Schreibprozess beide Seiten voneinander, wenn auch nicht immer das Erwartete.

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Kinder spielen in einem Schreibprojekt intuitiv mit der Materialität von Schrift (Bild zVg).

Guter Text ist Verhandlungssache

Wie Studierende in Schreibkursen Texte und Grafiken in eigene Fliesstexte transformieren, war Gegenstand von drei laufenden Forschungsprojekten. Das so genannte materialgestützte Schreiben soll in Deutschland als Bestandteil des gymnasialen Lehrplans künftige Studierende besser auf das wissenschaftliche Arbeiten vorbereiten. Cynthia Arnold, Doktorandin an der Universität Paderborn, hat Studierende dabei beobachtet, wie sie beim Transformieren von Grafiken in einen Text Strategien fürs Formulieren aushandelten. Hinterher wurden die Studierenden mit den Videoaufnahmen konfrontiert. Eine Erkenntnis: Nicht immer setzt sich die bessere Strategie durch.

Texte produzieren für Suchmaschinen

Cécile-Zachlod

Cécile Zachlod

Multimodalität ist in der Hierarchie der Schreibforschung nach oben geklettert, weil im Zeichen der Digitalisierung kein Text mehr ohne mehrere Modalitäten zu realisieren ist. So waren auch Vorträge zu hören, die sich mit den digitalen Anforderungen an das Schreiben befassten. Neben dem kollaborativen Schreibprojekt auf einem digitalen Whiteboard als neuem Tool wurde auch das Schreiben für Suchmaschinen als multimodaler Prozess thematisiert. Cécile Zachlod von der FHNW Olten nahm aus über 200 Faktoren für die Suchmaschinenoptimierung jene heraus, die für Autorinnen und Autoren von Online-Beiträgen relevant sind. Bilder seien wichtig, warnte sie: «Reine Fliesstexte werden ganz tief gerankt.» Zudem zeigte sie, wie die automatisch generierten Metadaten teilweise beeinflussbar und mit eigenen Keywords zu versehen seien. Zachlods Fazit: «Der reine Schreibprozess wird zum multimodalen Erstellungsprozess.»

Herrschaft der Bullet-points

Dass Multimodalität nicht nur Heil und Segen bringt, demonstrierte Keynote Speaker David Machin von der Schwedischen Örebro Universitet. In seinem Titel kündigte er eine Provokation an: The End of Writing: the Rule of Lists, Bullet-points, Tables and Graphics in contemporary Communication. In seinem engagierten und unterhaltsamen Vortrag ging er der Frage nach, was der Preis sei, wenn sich das Konzept der Bullet-lists überall einniste. Seine Kritik richtete sich gegen den technologischen Charakter der Listen, die Akteure würden verschwinden, Texte seien vage und abstrakt. Wenn etwa Leitbilder von Universitäten oder Unternehmen so formuliert seien, wären sie eben auch machtvoll. Machin beklagte den Missbrauch von Listen, in die Dinge hineingestopft würden, die dort nicht hineingehörten: «Wir haben aufgehört, gute Listen zu machen.» Auch die Demokratie sieht er durch das um sich greifende, verkürzende Prinzip der Bullet-lists und grafischen Unterteilungen gefährdet. «Ohne Fliesstexte werden alle möglichen Probleme verdeckt», sagte er. Machin zeigte auch eine Reihe von grafischen Darstellungen mit suggestiven Pfeilen oder Formen, die gleiches bedeuteten, aber nicht erklärt wurden. Tabellen und Prozessdiagramme, so Machin, nehmen systematische Kategorisierungen vor. Diese grafischen Formen strukturierten unser Denken und damit die Wirklichkeit, indem sie manches betonen und anderes verdecken.

Trotz Schattenseiten ist es wohl zu früh, vom Ende des Schreibens zu sprechen. Multimodalität bringt, wie die thematische Vielfalt der Tagungsbeiträge zum wissenschaftlichen Schreiben eindrücklich gezeigt hat, viel Farbe in die heutige Kommunikation und – ein neues Schreiben.


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