Der Chef denkt, die Mitarbeiterin lenkt

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Über den Autor/ die Autorin

Sabine Witt

Sabine Witt ist Dozentin am Institut für Marketing und Kommunikation IKM und schreibt daneben für Corporate Publications. Bereits beim Schreiben denkt sie an die Bildauswahl für ihren Text.

Werden Chefs dereinst zu blossen Ermöglichern von Netzwerken für ihre Mitarbeitenden? Durch beschleunigte wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen geraten Unternehmen zunehmend unter Druck. Welche Auswirkungen das auf Organisationsstrukturen und Kommunikation haben könnte, diskutierten zwei Praktiker und eine Wissenschaftlerin bei einer Veranstaltung an der HSLU-Wirtschaft kontrovers.

Zeit, besser gesagt: der Mangel an Zeit, wird künftig über den Erfolg von Unternehmen entscheiden. Wer am schnellsten auf Veränderungen reagiert, gewinnt am Markt. Davon ist Ulrike Buchholz überzeugt. Sie erforscht Führung und Kommunikation in Unternehmen, die in einer zusehends unvorhersagbaren Welt wirtschaften. Das aus englischen Anfangsbuchstaben gebildete Akronym VUCA steht für diese neue, «volatile» (volatil), «unsichere» (uncertain), «komplexe» (complex) und «mehrdeutige» (ambiguous) Welt. Zu bewältigen sind diese Anforderungen nach Ansicht von Buchholz nur mit einem professionellen Kommunikationsmanagement. Die Professorin von der Hochschule Hannover hielt am 25. April an der Hochschule Luzern – Wirtschaft ein Referat zur Rolle der Internen Kommunikation, die diese im Wandel spielen könnte. Eingeladen hatte anlässlich des Zehnjahrjubliläums des Weiterbildungslehrgangs CAS Internal and Change Communication das Institut für Kommunikation und Marketing der HSLU – Wirtschaft.

Dr. Constanze Jecker, Bettina Durrer

v.l.: Dr. Constanze Jecker, Leiterin CAS Internal and Change Communication und Bettina Durrer, Leiterin Strategie und Planung bei MeteoSchweiz

Provokante Thesen

Der Gast aus Deutschland trat mit Thesen auf, von denen eine provokanter war als die andere. Mit professoraler Nüchternheit und einem Anflug von Schalk präsentierte sie diese: Unternehmensführung ohne interne Kommunikation sei wirkungslos, der partizipative Führungsstil ein Auslaufmodell und Corporate Social Responsibility müsse intern, nicht nur extern wirken. Bei den Teilnehmern des anschliessenden Podiums, Arbeitgeberverbandspräsident Valentin Vogt und Andreas Guler, Leiter Interne Kommunikation und Publikationen bei der Post, stiess sie damit zwar auf Höflichkeit, aber auf wenig Gegenliebe.

Partizipative Führung – ein Auslaufmodell

Valentin Vogt hob die integrierende Rolle des Unternehmenschefs für die Mitarbeitenden hervor. In der übergrossen Mehrheit der Schweizer Unternehmen mit ihren weniger als 50 Mitarbeitenden müsse der Chef ein Vorbild sein, und die Belegschaft würde dies auch verlangen. «Die Mitarbeitenden wollen den Chef persönlich erleben, selbst wenn sie die Informationen schon kennen», berichtete Vogt aus seiner Erfahrung.

Constanze Jecker, Leiterin des CAS Internal and Change Communication, blieb als Organisatorin und Moderatorin des Abends ihrem provokativen Konzept in der Diskussion treu und fragte:

«Führen ohne Macht – geht das?»

Der Unternehmer hielt an seiner Meinung fest: «Ich kenne in Unternehmen viele Leitbilder, aber viel zu wenig Vorbilder.» Partizipativen Führungsstil gebe es schon, doch in bestimmten Situationen sei ein klarer Führungsstil nötig.

Kommunikationsprofi Guler bestätigte, dass Face-to-face-Kommunikation zwar noch sehr wichtig sei, doch digitale Plattformen an Bedeutung gewännen. Keinerlei Zweifel liess aber auch der Mann von der Post daran, dass klare Strategien top-down durchgegeben werden müssten.

Mehr Fehlertoleranz nötig

Die Referentin aus Hannover preschte mit ihrer These vom Auslaufmodell des partizipativen Führungsstils den anderen Gästen davon. Partizipativ im Sinne von «Ich sag Dir, wo es langgeht und Du darfst dann mitmachen», sei nicht mehr schnell genug, wenn rasch entschieden werden müsse oder der Chef nicht das nötige Expertenwissen besitze. «Die Unternehmen müssen die Menschen in die Lage versetzen, selber zu entscheiden», erklärte sie. Doch bräuchte es dann zwangsläufig mehr Fehlertoleranz. Die Rolle der Führung wäre nicht mehr, hierarchisch Anweisungen zu geben, sondern anleitend und orientierend die Zusammenarbeit in einem Netzwerk von Mitarbeitenden zu ermöglichen, die dann selber die Richtung ihrer Arbeit steuern. In dieser Frage konnten die drei Gäste keine Einigkeit erzielen. Zu weit klafften theoretische Abstraktion und Praxisanschauungen auseinander.

Informationstypen – ein neuer Blick auf Anspruchsgruppen
Eine Annäherung der beiden Praktiker und der Wissenschaftlerin gabe es, als es um die Diskussion der fünf Informationstypen ging, die Ulrike Buchholz aus der Kombination verschiedener Forschungsansätze entwickelt hat. Weil hierarchische Positionen dabei keine Rolle mehr spielen, eignet sich das Modell gut für die post-partizpative «transformationale» Führung. Die Mitarbeitenden werden nach ihrer Affinität zu Informationen eingeteilt: von hoch aufmerksamen Informationssuchenden über aufmerksame Informierte, abwägende Interessierte, skeptische Beobachter bis zu Desinteressierten. Entscheidend ist, dass diese Typen voneinander rezipieren mit dem Blick auf den jeweils Informierteren, abgesehen von den Abstinenten. Die Forscherin schlägt vor, Informationen spezifisch für Informationstypen zu gestalten, innerhalb einer Textsorte oder pro Medium. «Wenn man die Richtigen anspricht, laufen alle anderen hinterher», sagte sie. Es ist dabei gar nicht nötig zu wissen, wer welcher Typ sei. Die Herausforderung für die Interne Kommunikation sei nun, Informationen bereitzustellen, welche die jeweiligen Typen ansprechen könnten.

Unternehmensbeispiele fehlen

Konkrete Beispiele für solche neuen Formen von Führung und Kommunikation blieb die Referentin dem Publikum schuldig, erklärte dies aber im Gespräch nach der Veranstaltung: Sie sei solchen neuen Strukturen in der Praxis tatsächlich noch nicht begegnet. Dass es schon ziemlich hart kommen muss für Unternehmen, um sich in Buchholz’ Sinne neu zu erfinden, machten die beiden Gäste aus dem privaten und staatlichen Wirtschaftssektor deutlich. Vogts Schluss-Bonmot lautete «Praxis ist einfacher als Theorie. Und darüber bin ich froh.» Dem liesse sich entgegnen: Aber die Theorie bringt uns auf ganz andere Ideen. Und das kann im Ernstfall matchentscheidend sein.


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