Abgrenzung, Kreativität, Beziehungspflege – Jugendsprache erfüllt einen Zweck

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Über den Autor/ die Autorin

Antonia Steigerwald

Antonia Steigerwald ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikation und Marketing IKM.

Dr. Esther Galliker ist Dozentin am Institut für Kommunikation und Marketing IKM und untersuchte im Rahmen des Projekts «Jugendsprache in der Deutschschweiz» das Sprachverhalten von Jugendlichen. In einem Interview mit dem Migros Magazin hat sie einige Fragen zum Thema beantwortet. Mit freundlicher Erlaubnis der Redaktion des Migros Magazins können Sie das Interview grad hier lesen.

Grob, gemein, gaga: Die Sprache der Jugendlichen irritiert Erwachsene. Doch selbst primitivste Wortschöpfungen erfüllen einen Zweck, weiss Expertin Esther Galliker. Von Ernst Weber

Ernst Weber: Esther Galliker, weshalb sprechen Jugendliche unter sich eine eigene Sprache?

Esther Galliker: Ganz wichtig: Es gibt nicht die eine Jugendsprache, es gibt viele. Verschiedene Gruppen von Jugendlichen haben ihre eigene Gruppensprache. So zeigen sie ihre Zugehörigkeit zu ihrer Gruppe. Manchmal wird die gemeinsame Redeweise auch zur Abgrenzung gegen andere Gruppen benützt. Die Jugendsprache ist aber auch Ausdruck für die Lust der jungen Leute am kreativen Umgang mit der Sprache. Sie haben offenbar einfach Freude daran, Begriffe und Wendungen abzuwandeln und ihnen ihre eigene Bedeutungen zu geben.

Ernst Weber: Viele der Ausdrücke – du Schlampe, Fick dich etc. – sind unter jedem Niveau. Weshalb geht das unter den Jugendlichen?

Esther Galliker: Von aussen betrachtet, mag  das furchtbar klingen. Aber das ist halb so wild. In der Gruppe gebraucht, kann ein Schimpfwort oder ein Fluch Ausdruck von Beziehungspflege sein.

Im Gespräch mit anderen Gruppen und Erwachsenen treffen die meisten Jugend­lichen den richtigen Ton.

Ernst Weber: Und trotzdem fällt die Jugendsprache sehr auf, manchmal belustigend, oft auch negativ.

Esther Galliker: Das geschieht lediglich, weil Jugendliche als Gruppen im Zug und Bus und im öffentlichen Raum unterwegs sind, hier wird ihre Sprache von aussen wahrgenommen. Und gerade auch von den Medien oft negativ aufgeblasen. Genau diese Kraftausdrücke werden herausgepickt, um dann zu sagen, das wird ja immer schlimmer, oder die bringen keinen geraden Satz zustande. Es wird wenig geschaut, was abläuft, wenn Jugendliche ihre Sprache unter sich benützen.

Ernst Weber: Abgesehen von der Gruppensprache: Jugendliche schlagen heutzutage oft schon wegen Kleinigkeiten aggressive Töne an. Wie kommt das?

Dr. Esther Galliker

Dr. Esther Galliker

Esther Galliker: Es geht ums Erwachsenwerden. Eine vorübergehende Phase, in der Jugendliche sich von der Familie abgrenzen. Sie beginnen sich als Individuum zu entdecken und eben auch als Gruppenmitglied zu definieren. Vielleicht haben sich aber insgesamt die Gefüge in der Familie oder der Erziehung verändert: Kindern und Jugendlichen wird heute mehr Freiraum gewährt, um ihre Eigenständigkeit und Individualität auszudrücken. Da kann es schon mal zu verbalen Entgleisungen kommen.

Ernst Weber: Wenn man Jugendliche sprechen hört, hat man manchmal den Ein­druck, dass sich in ihrer gesamten Sprache, in der Art, wie sie Sätze und Wörter betonen, ein «Balkanakzent» festgesetzt hat. Weshalb ist das so?

Esther Galliker: In durchmischten Klassen mit Schülern mit und ohne Migrationshintergrund benützen Jugendliche den Balkanakzent aus Spass am Spiel mit fremden Tönen und Begriffen. Generell ist der Balkanakzent aber bereits wieder am Abflauen. Bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund und ohne Bekannte mit Migrationshintergrund ist das passé. Bei einzelnen Gruppen ist er sogar verpönt.

Ernst Weber: Verliert sich dieser «Akzent» wieder, wenn die Jugendlichen älter werden?

Esther Galliker: Sobald sich Jugendliche in einem Berufsumfeld bewegen, müssen sie sich einen anderen, professionelleren Sprachstil aneignen. Unter Freunden oder in der Gruppe aber wechseln sie dann wieder zu ihrem eigenen Sprachstil. Untersuchungen an der Uni Zürich haben gezeigt, dass etwa

in Aufsatztexten keine Spuren von Jugendsprachstilen oder Balkan­sprache zu finden sind.

Ernst Weber: Was gefällt Ihnen an den heutigen Jugendsprachen?

Esther Galliker: Beeindruckt hat mich bei meinen Untersuchungen, wie bewusst und spielerisch die Jugendlichen mit Sprache umgehen. Sie haben ihre Sprachstile aus ganz unterschiedlichen Quellen gespeist. Etwa urchigen Nidwaldner Dialekt für ihre Zwecke angepasst. Oder Begriffe der Grosseltern ausgegraben, um sie in einem übertragenen Sinn zu gebrauchen. Begriffe aus dem Balkan, dem Englischen, spanische und hochdeutsche Ausdrücke herausgepickt, um damit ihre Sprache zu formen. So haben sie einen einzigartigen Sprachstil hervorgebracht.

Ernst Weber: Gibt es auch Aspekte der Jugendsprache, die Ihnen Sorgen bereiten?

Esther Galliker: Mir sind schon auch Grenzüberschreitungen aufgefallen. Beispielsweise kulturell und gesellschaftlich inakzeptable Witze über Religion und Sexualität. Daraus folgt aber nicht, dass die Erzähler böse sind. Vielmehr testen sie einfach Grenzen aus. Die negativen Reaktionen der Zuhörer zeigen ihnen, welche Gefühle ihr Reden auslöst. Durch diese Einsicht entwickeln sie sich. Und es ist sogar vorgekommen, dass sich die Jugendlichen untereinander zurechtgewiesen haben.

Ernst Weber: Kann man anhand der Jugendsprachen Rückschlüsse auf die Befindlichkeit der Jugendlichen ziehen?

Esther Galliker: Einerseits fällt eine Rückbesinnung auf das Urtümliche, Traditionelle und Lokale auf. Anderseits erkennt man globale Trends, mit denen die Jugendlichen durch die neuen Medien und das Fernsehen in Kontakt kommen. Dass die Jugendlichen in der Lage sind, aus dieser Vielfalt einen eigenen Sprachstil zu entwickeln und zwischen verschiedenen Stilen hin und her zu springen, zeigt, dass sie kreativ, flexibel, agil und sehr kompetent sind.

Quelle: Weber, Ernst: «Ein Fluchwort kann Beziehungspflege sein», in: migromagazin.ch, Ausgabe 40, am 28.09.2015.

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