Leselust 2018 – Empfehlungen der Fachgruppe Deutsch

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Über den Autor/ die Autorin

Vinzenz Rast

Vinzenz Rast ist Inhaber und Geschäftsführer des Büros für Sprache GmbH und Dozent für Kommunikation Deutsch an der Hochschule Luzern – Wirtschaft.

Zeit fürs Lesen oder Zeit, Lesen zu schenken: Die Fachgruppe Deutsch liefert jedes Jahr vor Weihnachten ihre Lesetipps. Und zum ersten Mal haben wir sogar einen Gastrezensenten dabei.

Adrian Aebi empfiehlt:

Reinhard Kleist (2017): Nick Cave. Mercy on me. Carlsen.

„I don’t believe in an interventionist God / (…) / But if I did I would kneel down and ask Him / Not to intervene when it came to you.“ – Was für Lovesong-Eingangszeilen! Metaphysische Schauer all over. Genau wie bei jeder einzelnen Seite dieser in expressiven Schwarz-Weiss-Zeichnungen ambitioniert erzählten Graphic Novel über Leben und Werk des Musikers und Dichters Nick Cave.

Daniel Albert empfiehlt:

Luis Sepúlveda (2010): Patagonien Express. Südpol.

Ein Buch, das zu den Stationen einer Lebensreise einlädt, die in Chile ihren Anfang nimmt und über Argentinien, Ecuador und Kolumbien bis nach Spanien führt. Im Mittelpunkt aber steht die Erfahrung der einsamen Weiten Patagoniens. Der Autor erzählt von kuriosen Typen und verrückten Begegnungen; seine Geschichten machen neugierig aufs Unterwegssein.

Sylvia Bendel Larcher empfiehlt:

René Freund (2016): Niemand weiss, wie spät es ist. Deuticke.

Nora erbt das Vermögen ihres Vaters nur, wenn sie zuvor eine seltsame Reise durch Österreich hinter sich bringt, begleitet von einem pedantischen Notar. Aus der Reise in die Familiengeschichte wird eine Reise zu sich selbst. Ein Lesevergnügen für alle, die hintergründigen österreichischen Humor mögen.

Martin Businger empfiehlt:

Juli Zeh (2017): Leere Herzen. Luchterhand.

Wofür würden Sie sich entscheiden: Wahlrecht oder Waschmaschine? Dieses knifflige Dilemma verhandelt Juli Zeh in Form eines flott geschriebenen Thrillers, der in einem postdemokratischen Deutschland der nahen Zukunft spielt – gruselig-unterhaltsam und sehr aktuell. Oder wie es die kleine Tochter der Romanprotagonistin ausdrücken würde: «Bamm! Kollateralschaden!! Problem gelöst!»

Bruno Frischherz empfiehlt:

Schmid, W. (2017). Das Leben verstehen. Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers. Suhrkamp.

Wilhelm Schmid war 10 Jahre Hausphilosoph im Spital Affoltern am Albis und berichtet hier über seine Erfahrungen mit Patienten, Ärzten und Mitarbeitenden. In seinem Buch denkt er über Krisen, über Lebenskunst, über das Glück und über die Sinnfrage nach. Das sind zwar alles schwergewichtige Themen, aber dem philosophischen Seelsorger Schmid gelingt es, einfach und klar darüber zu schreiben.

Esther Galliker empfiehlt:

Saša Stanišić (2014): Vor dem Fest. Luchterhand.

Was kann schon Interessantes passieren vor dem Fest in Fürstenfelde in der Uckermark? Richtig, nicht viel. Dennoch besticht der Roman mit vielen detaillierten, sprachlich gewandten, geradezu poetischen Beschreibungen des Lebens in der Provinz. Charaktere werden gezeichnet mit ihren Eigenheiten und Alltagsproblemen beim Zusammenleben auf dem Dorf.

Romy Günthart empfiehlt:

Didier Eribon (2016): Rückkehr nach Reims. Suhrkamp.

Warum ist es einfacher, sich als schwul zu outen als zu seiner Herkunft aus einer Arbeiterfamilie zu stehen? Ausgelöst durch den Tod des Vaters, von dem er sich völlig entfremdet hatte, analysiert Didier Eribon, 56-jährig, renommierter Autor und Professor für Soziologie, die Mechanismen, die es Arbeiterkindern in aller Regel verunmöglichen, in der sog. besseren Gesellschaft Fuss zu fassen. Und er bietet eine Erklärung dafür, dass eine traditionell linke Wählerschaft, zu der auch seine Familie gehörte, heute den Front National unterstützt.

Constanze Jecker empfiehlt:

Elena Ferrante (2016): Meine geniale Freundin. Suhrkamp.

Junge Machos, enge Freundinnen, heisse Sommer. Ein Kleinkrieg mit Feuerwerk, ein Beziehungskrieg unter Pupertierenden, ein Mafiakrieg in den 50-er Jahren. Wissen als Macht, Schreiben als Lust, Lesen als Sucht. Alte Themen neu inszeniert. – Ich habe jede Seite genossen und habe Leselust auf die nächsten Bände!

Urs Jecker empfiehlt:

Süddeutsche Zeitung Magazin (2016): Gefühlte Wahrheit. Unser Leben in unterhaltsamen Diagrammen. Prestel.

Wofür die Abkürzung ‚etc.‘ steht: In 5% der Fälle für ‚et cetera‘. In 95% der Fälle für ‚Mehr als zwei Beispiele fallen mir nicht ein.‘ Und so geht das weiter. Allerdings nicht versprachlicht, sondern in Form von Augenschmaus-Diagrammen, wie sie seit 5 Jahren im SZ-Magazin erscheinen. Eine herrlich (selbst)ironische Annäherung an die Relativität von Objektivität und Wahrheit.

Sonja Kolberg empfiehlt:

Peter von Matt (2012): Das Kalb vor der Gotthardpost. Zur Literatur und Politik in der Schweiz. Hanser.

Eine Sammlung von Aufsätzen und Reden des berühmtesten Literaturprofessors der Innerschweiz, die 2017 aktueller ist denn je. Warum die Mehrheit nicht immer recht hat und warum es manchmal auch für Verfechter von mehr Volksnähe durchaus praktisch sein kann, wenn das Gegenüber der Elite angehört (z.B. beim Zahnarzt), schildert von Matt unbezwingbar logisch und mit dem ihm eigenen Sprachwitz.

Beatrix Kossmann empfiehlt:

Elisabeth Bronfen (2016): Besessen. Meine Kochmemoiren. Echtzeit Verlag.

Lesen Sie Kochbücher wie Romane? Lassen Sie sich gerne von Rezepten inspirieren, ohne diese penibel nachzukochen? Können Sie auf Fotos in Kochbüchern verzichten, weil es sowieso immer ganz anders aussieht? Dann ist dieses Buch genau richtig für Sie: Schnörkellose Rezepte für (eher) erfahrene Köche, angereichert mit biographischen Geschichten der Zürcher Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen.

Vinzenz Rast empfiehlt:

Mikael Krogerus & Roman Tschäppeler: Das Kommunikationsbuch. Kein & Aber.

Schon das goldene Büchlein selbst ist ein haptisches und typografisches Ereignis (wie die anderen Alltagsratgeber der beiden Autoren). Und dann der Text: Eine Übersicht über (fast) alle wichtigen Kommunikationsmodelle und ihren Bezug zum Alltag, sehr unterhaltsam aufbereitet. Z. B. nützlich für die Festtagszeit: Die Anleitung für einen anregenden Smalltalk.

Elisabeth Zurgilgen empfiehlt:

Flurin Jecker (2017): Lanz. Nagel & Kimche.

«Ich schreibe einen Blog» heisst der Kurs, den der 14-jährige Lanz in der Projektwoche an seiner Schule belegt. Nicht, weil er gerne schreibt, sondern, weil er hofft, Lynn dort zu treffen. Doch Lynn ist nicht da. Widerwillig beginnt Lanz dennoch zu schreiben und erzählt schliesslich sein ganzes Leben, in einer authentisch-einfachen Sprache, die durch eine ganz eigene Poesie besticht.

Und unser Gastrezensent Anton Ledergerber empfiehlt:

Jonas Lüscher (2017): Kraft. C.H. Beck.

Ein amerikanischer Internet-Milliardär schreibt einen Wettbewerb für die beste Antwort auf folgende Frage aus: „Theodicy meets Technodicy: Optimism for a Young Millenium. Why whatever is, is right and why we still can improve it?“ Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen, kann das Preisgeld von einer Million Dollar gut gebrauchen und macht sich auf den Weg an die Tagung im Silicon Valley — Old Europe meets New Economy. Es beginnt eine geistesgeschichtliche Tour de Force von den Aufklärern Leibnitz, Kant und Voltaire über die neoliberalen Thatcher und Reagan bis hin zum grimmigen kalten Krieger Donald Rumsfeld und dem triumphalistischen Francis Fukuyama, der über das Ende der Geschichte nach dem Sieg über dem Kommunismus spekuliert. In der von Rumsfeld gestifteten Bibliothek „On War, Revolution and Peace“ auf dem Campus der Universität Stanford werkelt Kraft nun in immer verzweifelterer Manier an seiner achtzehnminütigen Powerpoint-Präsentation zur möglichst optimistischen Beantwortung der Wettbewerbsfrage… Verdienter Gewinner des Schweizer Buchpreises 2017, tragisch und komisch zugleich, Pflichtlektüre an Wirtschaftshochschulen.


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