Die Sache mit den Kommentaren

0
Share.

Über den Autor/ die Autorin

Partner bei tinkla.ch, Texter, Autor, Blogger, Spezialist für Online-Kommunikation und Marketing, Erwachsenenbildner.

Kommentare in Blogs und Social Media sind die Verkörperung des angeblichen Kontrollverlustes in der Unternehmenskommunikation: Jeder kann etwas hinschreiben. Einige Tipps zum Umgang mit Rückmeldungen.

*Quelle: http://ikm-hslu.ch/omm-blog/, 9. Mai 2017

Vor einigen Tagen hat Bianca Heinicke von BibisBeautyPalace ihr erstes Musikvideo auf YouTube gepostet. Und damit Einzigartiges geschafft: In 3 Tagen kamen mehr als 1 Millionen «Dislikes» zusammen, sie kassierte fünf mal mehr Daumen runter als Daumen rauf. Die Fans und Nicht-so-Fans liessen ihren Gefühlen in mehr als 600’000 Kommentaren freien Lauf. Dave Winer ist 38 Jahre älter als Bibi, Blogger und Programmierer. Er hat unter anderem den Blog erfunden. Wüsste er um Bibis Video, würde er sich vielleicht selbst zitieren:

«The cool thing about blogs is that while they may be quiet, and it may be hard to find what you’re looking for, at least you can say what you think without being shouted down. This makes it possible for unpopular ideas to be expressed. And if you know history, the most important ideas often are the unpopular ones.»

Sein Blog, seit 1994 online, hat heute keine Kommentarfunktion mehr. Jeder und jede könne ja einen eigenen Blog haben und den Raum dort nutzen, und Reaktionen auf Gelesenes zu veröffentlichen.

Medienhäuser schliessen die Kommentarspalte

Seit einigen Monaten lässt sich ein Trend bei News-Sites beobachten: Die Kommentarspalten werden geschlossen. Etwa bei dem US-amerikanischen NPR oder hier in der Schweiz bei der NZZ. Oliver Fuchs, Social-Media-Redaktor der NZZ schrieb dazu: «Die Stimmung ist gehässiger geworden. Wir stellen – etwas zugespitzt – fest: Wo früher Leserinnen und Leser kontrovers miteinander diskutiert haben, beschimpfen sie sich immer öfter.» Oder wie es meine Kollegin Karin ausdrückt: Das Lesen von Kommentaren auf Newsportalen kann dazu führen, dass man sich danach die Hände waschen möchte.

Wider die Verluderung

Warum ist das so? Selbstkritisch meint Fuchs dazu: «Wer eine leere Wand errichtet, sollte sich über Graffiti nicht wundern. Und wer auf das Graffiti nicht reagiert, sollte sich nicht wundern, wenn die Kritzeleien überhandnehmen.» Wer nichts gegen die Verluderung seiner Kommentarspalte tut oder tun kann, überlässt sie den Trollen. Gefragt ist die aktive Bewirtschaftung von Kommentaren – wenn man sich entschliesst, Kommentare zu haben. Oder auf Plattformen publiziert, die eine Kommentarfunktion haben.

Etwas Wertschätzung wirkt wunder

Es gibt zwei Dinge zu tun: Präsenz markieren und Wertschätzung zeigen. Am einfachsten geht das, wenn man sich als Autor oder Autorin kurz bedankt – egal, ob der Kommentar positiv oder negativ eingefärbt war. Ein kurzes Dankeschön sagt zweierlei: Ich sehe dich, und ich schätze deine Meinung. Es sagt auch: Ich bin hier, ich achte darauf, was hier passiert. Muss ich mich darüber hinaus inhaltlich auf jede Diskussion einlassen? Nein, überhaupt nicht. Man kann.

Neue Inhalte aus Kommentaren erstellen

Etwas anders ist es, wenn ich Leserinnen und Leser zu Kommentaren auffordere. Ich kann nach Meinungen fragen, nach Ergänzungen, eigenem Wissen oder selbst Erlebtem. Es lohnt sich, vor dem Publizieren des Artikels zu wissen, wie man mit den Beiträgen umgehen will. Eine Möglichkeit ist es, in den Kommentaren mitzudiskutieren. Oder man stellt aus den Kommentaren neue Inhalte zusammen. Das kann ein Update am Ende des ursprünglichen Artikels sein, etwa eine kurze Auflistung des Gesagten. Oder man verfasst einen neuen Blogbeitrag, führt die wichtigsten Inhalte aus den Kommentaren auf, fasst zusammen und stellt Kontext her. Beide Varianten zeugen von der Wertschätzung gegenüber dem Kommentatoren und schaffen Übersichtlichkeit für neue Leser, die sich nicht durch lange und verschachtelte Kommentarspalten kämpfen müssen..

Sind Kommentare erstrebenswert?

Muss sich Bibi nun also grämen ob der negativen Kommentare zu ihrem Video?  Ja, denn ihre Währung ist Aufmerksamkeit, die sie an Werbekunden verkauft. Positive Rückmeldungen ihrer Community sind ihr mittelfristig wichtig, um das Engagement und eben die Aufmerksamkeit ihres Publikums nachzuweisen. Dave Winer hat dafür gar keine Kommentare. Der Blog ist sein Zettelkasten, seine Ideensammlung, ein Gefäss, um das Hirn zu entleeren. Er will keine Kommentare und lebt gut ohne.

Souveräner Umgang mit Kommentaren

Du hast Kommentare zu deinen Beiträgen.

Schön, freue dich. Offenbar hast du andere Menschen zum Denken angeregt. Bedanke dich für die Beiträge, auch wenn kritische darunter sind. Schliesslich drehst du auch nicht einfach den Kopf weg, wenn dich jemand in der Cafeteria anspricht. Wenn du Lust hast, kannst du gerne mitdiskutieren.

Niemand hat deinen Beitrag kommentiert.

Kein Grund zur Beunruhigung. Wirf einen Blick in dein Website-Analyseinstrument: Wie viele Seitenaufrufe gab es, wie lange war die Verweildauer? Liegen die Zahlen im Rahmen des Üblichen oder gar drüber: Alles im grünen Bereich. Dein Beitrag fand Beachtung und wurde offenbar zu Ende gelesen. Sind die beiden Werte tiefer, als sonst, frag dich: Habe ich das Thema für meine Zielgruppe passend aufbereitet? Stifte ich Nutzen für den Leser, die Leserin? Unterscheidet sich  mein Beitrag von Artikeln anderer Autoren (Format, Inhalt, Ansprache)?


Leave A Reply