Bilder sind die neuen Texte

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Über den Autor/ die Autorin

Vinzenz Rast

Vinzenz Rast ist Inhaber und Geschäftsführer des Büros für Sprache GmbH und Dozent für Kommunikation Deutsch an der Hochschule Luzern – Wirtschaft.

Fotografien und Grafiken ergänzen oder verdrängen in der Kommunikation die Texte. Also müssen wir auch Bilder lesen und schreiben lernen.

1980 landete die Band «The Buggles» einen grossen Hit: «Video killed the radio star». Den Song haben viele noch in den Ohren. Die Aussage aus der Zeit vor dem Internet scheint prophetisch und könnte vermeintlich in die Zukunft extrapoliert werden. Aber sie ist heute noch falsch: Video hat das Radio ergänzt. Und doch: Videos haben das Musikgeschäft zweifellos stark geprägt. Zur Musik, zum Text ist das (bewegte) Bild hinzugekommen.

Heute scheint es, dass das Bild den Text verdrängt. Diese Entwicklung wird wohl genauso wenig disruptiv verlaufen wie die These im Song aus den 1980er Jahren. Aber unbestreitbar werden Bilder immer wichtiger, ergänzen den Text, ersetzen ihn an manchen Stellen gar und könnten unsere Lesegewohnheiten verändern.

Noch nie war das Bebildern so einfach

Eine Ursache für die Veränderung ist die technische Entwicklung: Noch nie war es so einfach, Bilder und Filme herzustellen und zu veröffentlichen. Waren es am Anfang noch die kleinen Bandbreiten, die das Verbreiten von Bildern und Videos erschwerten, sind heute hochauflösende Fotografien und Filme von jeder Person von überall auf der Welt zu erstellen und zu publizieren. Neue Medien verzichten teilweise gar auf Text. Aber auch herkömmliche Medien, die als gedruckte Zeitungen zu grossen Marken geworden sind, ergänzen ihre Berichterstattung durch immer mehr Bilder.

Mesopotamien, ca. 3000 v. Chr., Robinson (2013), S. 18.

Nicht ohne Ironie ist es, wenn Bilder Texte und damit Buchstaben zu verdrängen scheinen. Unsere Schrift hat sich aus Hieroglyphen entwickelt. Diese Schriftzeichen haben den darzustellenden Gegenstand auf wenige Striche reduziert. Das Schriftsystem ist dann schnell wesentlich abstrakter, aber auch viel flexibler geworden. Heute werden selbst komplexe Sachverhalte mit einzelnen Piktogrammen in eine Weltsprache übersetzt. Im Alltag helfen Emojis, Botschaften radikal zu verkürzen und z. B. die eigene emotionale Befindlichkeit darzustellen.

Bilder lesen und schreiben lernen

Die Beziehungen von Wörtern in Sätzen werden durch Regeln bestimmt. Wörter und Sätze lassen Bedeutungen entstehen. Und diese Wörter und Sätze erzeugen Wirkungen. Das Lesen und Schreiben von Texten haben wir als Kulturtechnik gelernt. Auch das Lesen und «Schreiben» von Bildern müssen wir nun besser lernen, wenn es zu einer bestimmenden Ausdrucksform im Alltag wird.

Literarische Texte unterscheiden wir nach Gattungen, bei Alltagstexten differenzieren wir Textsorten: Auch Fotografien lassen sich Gattungen zuordnen: Reportagen (Beispiele von Sebastio Selgado), Porträts (Beispiele von Martin Schoeller), Stillleben (Beispiele von Robert Mapplethorpe) oder in der Werbung so genannte «Packshots» und Sachaufnahmen (Beispiele von Ralph Feiner). Diese Gattungen haben eine Geschichte und werden sich weiterentwickeln. Wird die Fotografie eine noch alltäglichere Darstellungsform, lassen sich bestimmt immer feinere Bildsorten unterscheiden.

Wir müssen auch entziffern lernen, was auf den Bildern gezeigt wird: Sind die Aufnahmen «dokumentarisch» (Beispiele von Larry Burrows, Vietnam 1966)? Werden die Gegenstände und Menschen auf dem Bild inszeniert (Beispiel Jeff Wall, Dead Troops Talk 1992)? Wurde das Bild im Nachhinein bearbeitet – geschönt, manipuliert (Beispiel Paul Hansens, Gaza-Stadt 2012) oder wurde gar aus fremden Bildern geklaut?

Jeder Text hat einen Standpunkt und macht diesen mehr oder weniger klar. Auch die Autorinnen und Autoren von Bildern entscheiden mit ihrer Blickrichtung, ihrem Blickwinkel, ihrer Perspektive, ihrer Bildschärfung und mit dem Ausschnitt darüber, was zu betrachten ist. Sie nutzen ein Objektiv und sind dabei nie objektiv.

Dynamische Inhalte sind kaum kontrolliert

So wie jeder Text immer nur im Kontext gesehen und durch weitere Texte ergänzt, relativiert und gar gestört werden kann, nehmen auch Bilder aufeinander Bezug und lassen beabsichtigte und unbeabsichtigte Wirkungen erzielen.

Die folgenden Bilder zeigen die gleiche Webseite mit unterschiedlicher Werbung. Die Kombination aus Bild und Text wirkt beide Male unterschiedlich:

Bilder in der Unternehmenskommunikation

Bilder in der Unternehmenskommunikation

Während in einem gedruckten Medium dieses Umfeld zwar noch kontrolliert werden kann (was aber sehr oft trotzdem unterlassen wird), können im Internet solche Interferenzen unter Umständen gar nicht mehr gesteuert werden: Inhalte werden dynamisch zusammengestellt, Algorithmen sorgen fürs Zusammenpassen oder für den Konflikt. Sogar die Wahl des Lesegeräts beeinflusst Bildwahl und Bildwirkung.


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