Gig Economy: die neue Form der Sklaverei?

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Über den Autor/ die Autorin

Matthes Fleck

Matthes Fleck ist Dozent und Projektleiter am Institut für Kommunikation und Marketing IKM und Leiter des Major Online Business and Marketing der Hochschule Luzern – Wirtschaft.

Maven Mia hatte einen aufregenden Start ins Leben. Zumindest glaubt dies der Onlinefahrtenvermittler Lyft. Dieser teilte im vergangenen Herbst die Geschichte des kleinen Mädchens und ihrer fleissigen Mutter, die ihren Gig als Fahrerin noch beendete, obwohl sie Wehen bereits eingesetzt hatten. «Zum Glück war es ein Kurztrip», schrieb Lyft dazu.

Sehr kurzfristig angelegte Arbeitsverhältnisse, meist über digitale Plattformen vermittelt, werden als Gig Economy bezeichnet. Typische Jobs sind: Kurierfahren, Fahrdienste wie Uber oder Lyft und Clickworker. Diegigs werden über Plattformen wie mturk oder Fiverr vermittelt. Zu den Vorteilen für die Auftraggeber zählen, dass Aufgaben schnell und effizient unter einer grossen Anzahl von Gig-workern verteilt werden können. Die Gig-worker profitieren ihrerseits von hoher Flexibilität in puncto Arbeitszeit und –einsatz. Die Arbeiten erfordern oft keine formale Qualifikation und ermöglichen einen Einstieg in die Arbeitswelt fernab klassischer Beschäftigungsverhältnisse.

Das wichtigste Werkzeug des Gig-workers ist Kaffee – immer wach und einsatzbereit.

Die Verdienstmöglichkeiten variieren je nach nachgefragter Arbeit. Die Löhne orientieren sich jedoch am jeweiligen gesetzlichen Minimum oder sind nach Abzug der Kosten sogar darunter. Gig-worker sind in der Regel selbstständige Unternehmer und müssen sich daher für den Krankheitsfall oder die Altersvorsorge selbstabsichern.

Moderne Sklaverei?

Erste Stimmen mahnen daher, dass die Gig Economy eine neue Form der Sklaverei sei. Andy Crane von der University of Bath hat folgende fünf Merkmale moderner Sklaverei in Beschäftigungsverhältnissen identifiziert:

  • Zwang zur Arbeit
  • Kontrolle der Arbeitskraft durch Missbrauch
  • Entmenschlichung von Arbeit
  • Einschränkung der individuellen Bewegungsfreiheit
  • Ökonomische Ausbeutung durch Unterbezahlung

Der Vorwurf der Sklaverei verfehlt das Problem in einigen Teilen. In der Gig-Economy herrscht kein Zwang zur Arbeit, sondern Freiwilligkeit.Die Arbeitskraft wird auch nicht durch Missbrauch kontrolliert. Kontrolliert wird vielmehr durch zerlegen der Arbeit in kleine Teilschritte, die gemessen und bewertet werden können. Die Arbeitskräfte hinter dem Gig können dadurch leicht ausgetauscht werden, was die Arbeit tatsächlich entmenschlicht– die Arbeit wird noch von einem Menschen verrichtet, aber es ist nahezu völlig egal von wem. In puncto Bewegungsfreiheit schränken Gig-working Plattformen wiederum nicht ein. Jeder kann seine Gigs überall auf der Welt anbieten und ortsunabhängig arbeiten.

Kritischer ist die Möglichkeit der ökonomischen Ausbeutung durch Unterbezahlung. Fahrer bei Uber verdienen je nach Ort zwischen 11 und 28 USD je Fahrt. Auf Fiverr gibt es Gigs ab 5 USD und bei MTurk gibt es extrem kurze Gigs für 1.50 USD und weniger (z.B. Teilnahmen an Umfragen). Die ökonomische Abhängigkeit von der Vermittlungsplattform ist hoch und die Risiken trägt der Gig-worker. In manchen Fällen sind hier ethisch bedenkliche Arbeitsbedingungen möglich.

Von Tage- zu Minutenlöhnern

Insgesamt ist der Vorwurf der unfreien oder sklavischen Arbeit nicht haltbar. Dennoch sollten sowohl Konsumenten wie Auftraggeber Gig-worker respektvoll behandeln und dort wo Löhne ausgehandelt werden, nicht nur den Mindestlohn, sondern auch den Lohnbestandteil berücksichtigen, der der sozialen Absicherung dient.
Letztlich bietet die Gig-Economy viele Möglichkeiten um Geld zu verdienen und individuelle Lebensentwürfe zu verwirklichen.

Haben Gig-worker jedoch keine andere Möglichkeit mehr, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und reicht dieses Geld nicht einmal zum Leben, dann hat die Plattformökonomie den Tagelöhner aussterben lassen. Es tritt an dessen Stelle der Minutenlöhner.

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