„Verdreckt, stinkend, krank, unter Quarantäne“

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Über den Autor/ die Autorin

Machen wir uns darauf gefasst uns genau so zu fühlen, sollte einst ein Cyberkrieg ausbrechen. Zurückgeworfen auf uns selbst und auf das Urbedürfnis zu überleben. In Matthew Mathers Roman Cyberstorm sehen wir fassungslos zu, wie eine Gesellschaft in sich zusammenfällt. Zurück bleibt ein Happy End mit Nachgeschmack: Weil am Ende der eindeutige Bösewicht fehlt und weil die Geschichte gefährlich nahe an der Realität spielt.

Es geht schnell zur Sache. Schon auf den ersten Seiten finden sich Anspielungen auf das drohende „Cybergeddon“. Zum Glück gibt es Chuck mit dem Südstaatenakzent – der beste Freund des Protagonisten – der uns beratend zur Seite steht und die zum Teil komplexen Fachbegriffe rund um Cyberterroristen und die Gefahren im Internet erklärt.

„Du meinst, früher hat man Bomben auf Fabriken abgeworfen, und jetzt klickt man mit der Maus?“

Im Zentrum steht aber Mike Mitchell. Er ist Finanzanalyst und lebt mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn in New York. Zuerst noch etwas gutgläubig, entwickelt sich sein Charakter im Laufe der Geschichte zu dem des Helden und Retters von mehreren Menschenleben.

Horrorszenario für jeden Grossstädter

Die Katastrophe kommt schleichend. Identitäts-Diebstahle mit Kreditkarten wecken erste ungute Gefühle. Gleichzeitig berichten die Medien über brennende Flaggen vor der chinesischen Botschaft, Cyberangriffe auf das Pentagon häufen sich und ein Virus in der Logistiksoftware bringt das gesamte Weihnachtsgeschäft zum Erliegen. Schliesslich überschlagen sich die Ereignisse:

  • Das Internet fällt aus.
  • Die Barcode-Scanner im Supermarkt funktionieren nicht mehr.
  • Alle U-Bahnen werden geschlossen.
  • Meldungen über Ausbruch der Vogelgrippe, unter anderem in New York
  • Zero-Days (Art von raffinierten Cyberwaffen) bringen Logistik- und Nachschubkette weltweit zum Erliegen.
  • Alle Grenzen werden geschlossen und der internationale Verkehr wird eingestellt.

Was würden solche Vorfälle wohl bei uns in der Schweiz auslösen? Würde der besonnene Eidgenosse anders reagieren als der New Yorker und Ruhe bewahren? Eine Behauptung sei an dieser Stelle erlaubt: Nein, man denke nur an die jeweils chaotischen Zustände, wenn wegen einer Stellwerkstörung der Bahnverkehr zwischen Zürich und Bern für kurze Zeit zum Erliegen kommt.

Cybersturm trifft Schneesturm

Als wenn das nicht schlimm genug wäre, bricht ein Schneesturm herein, der den Big Apple komplett von der Aussenwelt abschottet. Der Strom fällt aus, ebenso die Wasserversorgung und die digital gesteuerte Heizungsanlage. Plünderer und Schiessereien prägen das Strassenbild, wie einst im Mittelalter werfen die Leute Abfall und Fäkalien aus dem Fenster. Es sind apokalyptische Bilder – wie fürs Kino gemacht.

Verfilmung 20th Century Fox adaptiert die Katastrophen-Geschichte für das Kino. Drehbuch: Bill Kennedy (House of Cards). Erscheinung: frühestens 2015/2016. Cast: noch nicht bekannt.

Mitten drin im Chaos: Mike, der seine Familie in Anbetracht des scheinbar hereinbrechenden Weltuntergangs retten will. Zusammen mit Nachbarn richtet er eine Kommune ein, die sich auf engstem Raum Essensvorräte, Benzinheizung und Generator teilen. Für die Verletzten gibt es Marihuana gegen die Schmerzen. Die Bewohner kämpfen mit Durchfall wegen verschmutztem Wasser und mit Läusen, weil sie sich tagelang nicht waschen können.

„Im Vergleich zu dem, was im Moment passiert, wirkt der Kalte Krieg wie ein Zeitalter der Transparenz und des gegenseitigen Verständnisses.“

Die Informationen fallen spärlich aus. Weder Polizei noch Militär können zur Beruhigung der Lage beitragen. Aus den Nachrichten ist nicht viel über die Urheber der Katastrophe zu erfahren. Ein Gerücht jagt das andere. Heisse Anwärter sind die Russen und Iraner, Top-Verdächtiger ist aber nach wie vor China.

Moderne Überlebenshilfe Um untereinander kommunizieren zu können, haben die Bewohner auf ihren Handys eine Point-to-Point-Messaging-App eingerichtet, welche es erlaubt in einem gewissen Umkreis Nachrichten zu verschicken. Das so genannte Meshnetz verbreitet sich in Windeseile, am Ende sind 100’000 Leute miteinander verbunden. Auch Fotos von Toten und Überfällen werden auf diese Weise gesammelt um alles zu dokumentieren für das spätere Aufarbeiten. Schatzsuche-App Um eingegrabene Essensvorräte später im Schnee wieder zu finden, hat Mike den jeweiligen Standort fotografiert. Mithilfe der App und der GPS-Daten der Fotos kann er den Standort später problemlos finden.

Plötzlich fängt es im Haus an zu stinken wie in einer Kanalisation, die Leute essen Ratten, trinken Blut und Leichen verschwinden auf seltsame Art und Weise. Es klingt wie in einem schlechten Krimi. Und doch ist es nicht allzu weit von der Realität entfernt, wo wir doch in einer Gesellschaft leben, in der ein Tag ohne Internet schon fast unvorstellbar ist. Wo wir uns ohne Google Maps kaum noch durch Städte bewegen können. Ganz abhängig von Technik und Energieversorgung, die hauptsächlich digital gesteuert sind.

„Das Stammestier war stets gegenwärtig gewesen, verborgen hinter unserer Oberflächenexistenz, dem Latte macchiato, den Handys und dem Kabelfernsehen.“

Genug ist genug, Mike und Chuck verlassen mit ihren Familien New York. Sie flüchten in die Shenandoah Mountains. Weg von denen, die für einen Schluck Wasser töten, weg von den Menschen, die zu Tieren geworden sind. Die Vorräte sind aber auch in der Waldhütte schnell aufgebraucht, die Mahlzeiten bestehen aus Eichhörnchen und Unkraut aus dem Wald. Hunger und Durst werden unerträglich.

Angegriffen im eigenen Land?

Und wenn man glaubt, eine Lage kann nicht noch aussichtsloser und absurder werden, steht plötzlich ein chinesisches Militärlager im nicht weit entfernten Washington, wohin Mike in einem 60-Meilen-Verzweiflungsmarsch eilt. Aus Angst in ein Internierungslager gesteckt zu werden, kehrt er sofort zurück in die Berge – mit leeren Händen anstatt der erhofften Hilfe und Antworten. Am 64. Tag nach Ausbruch der Katastrophe werden die beiden Familien endlich gerettet. Ein Mitbewohner der Kommune aus New York taucht mit einem Konvoi auf und holt sie ab. Was war geschehen?

Der Irrtum

Die Chinesen waren nur deshalb in der Hauptstadt, weil sie gleich wie andere Länder nach dem Cybersturm herbeigeeilt waren um humanitäre Hilfe zu leisten. Die Strom- und Wasserversorgung in New York wurde nur wenige Tage nach der Flucht der beiden Familien wiederhergestellt. Der Internetausfall alleine hätte nur für kurze Zeit gravierende Auswirkungen gehabt. Zur tödlichen Falle wurde New York nur deshalb, weil alles zusammenkam:

Zusammenprall gleichzeitiger Ereignisse im Cyberraum und der realen Welt

Wenn alle Schuld haben, sowohl Schnee- als auch Cybersturm von Menschen gemacht sind, wer trägt dann die Verantwortung für die 70’000 Tote und Schäden im Wert von mehreren Milliarden Dollar?

Die Rolle des Staates

Im Buch wird viel darüber diskutiert, dass das Militär zu viel in Waffen anstatt in Internetsicherheit investiert. Was macht der Staat und vor allem: Macht er genug? Laut Myriam Dunn Cavelty, Stellvertreterin für Forschung und Lehre am Center for Security Studies an der ETH Zürich, reagieren die Staaten mit wachsender Durchsetzungskraft. In einem Artikel in der NZZ schreibt sie, dass die Stabilitätsbemühungen jedoch paradoxerweise auch zu mehr Unsicherheit führen – sowohl in der virtuellen als auch realen Welt – und meint damit vor allem die suspekte Rolle der Nachrichtendienste.

Wie sicher sind wir in der Schweiz? Wie wappnen sich Unternehmen hierzulande gegen Hackerangriffe? Sie verhalten sich zu reaktiv, wie eine Anfang Mai veröffentlichte Studie der KPMG behauptet. Untersucht wurde, wie Schweizer Unternehmen ihre Daten schützen und welche Strategien den besten Schutz für zukünftige Bedrohungen bieten. Mehr zur Studie und weiteren Entwicklungen im Cyber Security Umfeld

Eine weitere kurze Bestandesaufnahme zeigte die Tagesschau im April nach einem Hackerangriff auf einen französischen TV-Sender durch das Terrornetzwerk IS.

Jetzt seid ihr dran. Findet ihr diese Geschichte realistisch? Seid ihr schon mal Opfer von Identitäts-Diebstahl geworden? Welche Szenarien in Bezug auf Cyberkriminalität seht ihr vor euch und inwiefern trägt der Staat eurer Meinung nach Verantwortung?


Zum Autor: Matthew Mather ist Internet-Security-Experte, Erfinder von Computerinterfaces, Game Designer und Autor von Science-Fiction-Romanen. “Cyberstorm” ist sein erster grosser Erfolg. Mather lebt in Montreal, Kanada. Quellen:

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